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Lokales

Treptow-Köpenick Geschichte: Von der Slawenburg zur Wissenschaftsstadt

Von Sabine Fehling | 13. Juni 2026
Treptow-Köpenick Geschichte: Von der Slawenburg zur Wissenschaftsstadt © Matthäus Merian (um 1652), gemeinfrei / Wikimedia Commons
Das Renaissance-Schloss Köpenick auf einem Kupferstich von Matthäus Merian um 1652, noch vor dem barocken Umbau.

Wer auf der Schlossinsel in Köpenick steht, wo Spree und Dahme zusammenfließen, blickt auf einen der ältesten besiedelten Plätze Berlins. Tief unter dem barocken Schloss liegen die Hölzer einer slawischen Burg, deren Pfähle Forscher auf das Jahr 849 datiert haben. Wenige Kilometer flussaufwärts rosten in Schöneweide die Backsteinhallen einer Industrie, die Berlin einmal zur "Elektropolis" machte.

Treptow-Köpenick ist heute der flächengrößte Bezirk Berlins, ein Mosaik aus Wasser, Wald und alten Arbeiterquartieren. Diese Chronik führt von der Hevellerburg des 9. Jahrhunderts über den Hauptmann von Köpenick und die Köpenicker Blutwoche bis zur Wissenschaftsstadt Adlershof.

Was dich erwartet

Slawische Anfänge: Die Burg am Zusammenfluss

Die Geschichte von Köpenick beginnt am Wasser. Wo die Dahme in die Spree mündet, entstand schon früh ein befestigter Platz. Dendrochronologische Untersuchungen, also die Datierung über Baumringe, weisen die ältesten Hölzer der ersten slawischen Burganlage auf das Jahr 849 zurück.1

Bewohnt wurde die Gegend vom westslawischen Stamm der Sprewanen. Auf der heutigen Schlossinsel lag ihr Hauptort, ein durch Wasser und Wall geschützter Burgwall, der die Wege über Spree und Dahme kontrollierte.2

Jaxa von Köpenick

In der Mitte des 12. Jahrhunderts taucht ein slawischer Fürst namens Jaxa von Köpenick in den Quellen auf. Von ihm sind Münzen mit der Umschrift "Jacza de Copnic" überliefert, die seine Herrschaft im Raum zwischen 1145 und 1176 belegen. Gesichertes über sein Leben ist allerdings nur wenig bekannt.3

Mit der Eroberung durch die askanischen Markgrafen um die Mitte des 13. Jahrhunderts endete die slawische Eigenständigkeit. Köpenick fiel an die Mark Brandenburg.4

Mittelalter: Erste Erwähnung 1209 und Stadtrecht

Urkundlich greifbar wird der Ort am 10. Februar 1209, als "Copnic" in einer Urkunde des Markgrafen Konrad II. von der Lausitz erscheint. Aus diesem Datum leitet sich das offizielle Gründungsjahr ab, 2009 feierte Köpenick sein 800-jähriges Jubiläum.5

Älter als die Akte zeigt

Die erste schriftliche Erwähnung 1209 markiert nur den Beginn der Überlieferung. Tatsächlich war die Burg auf der Schlossinsel zu diesem Zeitpunkt schon rund 360 Jahre alt. Wenige Berliner Ortsteile reichen so tief in die Frühgeschichte zurück.

Unter den brandenburgischen Markgrafen wuchs Köpenick zur Stadt heran und erhielt 1325 das Stadtrecht, das dritte im Berliner Raum nach Spandau und Berlin/Cölln. Die strategische Lage auf der von Wasser umgebenen Insel blieb über Jahrhunderte das prägende Merkmal des Ortes.6

Schloss Köpenick: Jagdschloss, Barock und Kammergericht

Das Renaissance-Jagdschloss ab 1558

Auf der alten Burginsel ließ Kurfürst Joachim II. von Brandenburg ab 1558 ein Jagdschloss im Stil der Renaissance errichten. Joachim II. starb 1571 in der Nähe seines Köpenicker Schlosses während einer Jagd.7

Der barocke Neubau für den Kronprinzen

Ab 1677 ließ Kurprinz Friedrich, der spätere preußische König Friedrich I., das Schloss durch den aus Nijmegen stammenden Baumeister Rutger van Langervelt zu einer barocken Dreiflügelanlage umbauen. Der Bau auf der Schlossinsel zählt heute zu den bedeutendsten Schlössern des frühen Barock in Berlin und beherbergt das Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin.8

Ein Kriegsgericht im Wappensaal

Am 25. Oktober 1730 tagte im Wappensaal des Schlosses ein Kriegsgericht gegen den jungen Kronprinzen Friedrich (den späteren Friedrich den Großen) und seinen Freund Hans Hermann von Katte. Beiden wurde der Versuch der Fahnenflucht zur Last gelegt. Katte wurde wenig später in Küstrin hingerichtet.

Industrialisierung: Schöneweide wird Elektropolis

Während Köpenick lange ein beschauliches Landstädtchen blieb, begann an der Spree weiter westlich ab 1889 ein rasanter Aufstieg. In Oberschöneweide und Niederschöneweide entstand eines der wichtigsten Industriegebiete Deutschlands, eng verbunden mit der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG).9

Emil Rathenau, der Gründer der AEG, erwarb hier ab 1890 große Flächen am Spreeufer. Am 3. Oktober 1897 nahm das Kabelwerk Oberspree den Betrieb auf und beschäftigte schon bald 1.800 Menschen. Die Dichte an Elektroindustrie trug Berlin den Beinamen "Elektropolis" ein.10

Das größte zusammenhängende Industriedenkmal Europas steht in Oberschöneweide.
Einordnung der AEG-Areale durch das Landesdenkmalamt Berlin

Namhafte Architekten wie Peter Behrens prägten die Werkbauten am Spreeknie. Heute nutzt die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) große Teile der früheren AEG-Anlagen, das Industriegebiet gilt als eines der bedeutendsten Industriedenkmale Berlins.11

1906: Der Hauptmann von Köpenick

Am 16. Oktober 1906 gelang dem arbeitslosen Schuster Wilhelm Voigt ein Streich, der Köpenick weltberühmt machen sollte. In einer gebraucht gekauften Hauptmannsuniform befehligte er eine Gruppe von Soldaten, besetzte das Köpenicker Rathaus, ließ den Bürgermeister verhaften und beschlagnahmte die Stadtkasse.12

Voigt erbeutete 3.557 Mark und 45 Pfennig. Der Coup führte vor Augen, wie blind die Autorität vor einer Uniform im damaligen Kaiserreich war. Das Wort "Köpenickiade" ging als Begriff für eine dreiste Hochstapelei in die deutsche Sprache ein, Carl Zuckmayers Theaterstück machte den Stoff später unsterblich.13

1920: Zwei Berliner Bezirke entstehen

Mit dem Groß-Berlin-Gesetz vom 27. April 1920, das am 1. Oktober 1920 in Kraft trat, wurden Köpenick und Treptow Teil der neuen Einheitsgemeinde Groß-Berlin. Aus den umliegenden Landgemeinden bildeten sich zwei eigenständige Verwaltungsbezirke.14

Der Bezirk Köpenick entstand aus Orten wie Friedrichshagen, Grünau, Müggelheim, Rahnsdorf und Schmöckwitz. Der Bezirk Treptow setzte sich vor allem südlich der Spree aus Adlershof, Alt-Glienicke, Johannisthal sowie Nieder- und Oberschöneweide zusammen. Beide blieben über acht Jahrzehnte getrennte Bezirke, ehe sie 2001 fusionierten.15

Schon 1909 war auf dem Flugplatz Johannisthal der erste deutsche Motorflugplatz eröffnet worden, ein früher Vorbote der Technikgeschichte, die den Süden des heutigen Bezirks prägen sollte. Wie stark die Bevölkerung in diesen Jahrzehnten wuchs, zeigt der Wandel der Arbeiterquartiere in Schöneweide.

NS-Zeit: Die Köpenicker Blutwoche 1933

Treptow und Köpenick waren vor 1933 Hochburgen der Arbeiterbewegung, von SPD und KPD. Genau das machte sie nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten zum Ziel brutaler Verfolgung.16

Zwischen dem 21. und 26. Juni 1933 verschleppte und folterte die SA in Köpenick mehrere Hundert Menschen, mindestens 23 von ihnen wurden ermordet. Unter den Opfern waren der frühere mecklenburgische Ministerpräsident Johannes Stelling (SPD) und Georg Eppenstein, eines der ersten jüdischen Opfer der NS-Gewalt in Berlin.17

Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche

An die Opfer erinnert seit Jahrzehnten eine eigene Gedenkstätte in der Puchanstraße. Sie macht eines der frühesten Massenverbrechen des NS-Terrors in Berlin sichtbar und ordnet es in die Verfolgung der Arbeiterbewegung ein.

Krieg, Kriegsende und das Sowjetische Ehrenmal

1945: Das Kriegsende

In den letzten Kriegswochen rückte die Rote Armee von Südosten auf Berlin vor. Köpenick wurde am 23. April 1945 von sowjetischen Truppen erreicht und eingenommen, kurz vor dem Fall der Berliner Innenstadt.18

Das Ehrenmal im Treptower Park

Im Treptower Park entstand zwischen 1946 und 1949 das größte sowjetische Ehrenmal Deutschlands. Es wurde am 8. Mai 1949 eingeweiht und ist zugleich Soldatenfriedhof: Über 7.000 in der Schlacht um Berlin gefallene Soldaten der Roten Armee sind hier bestattet.19

Die zentrale Bronzefigur, ein Sowjetsoldat mit gerettetem Kind und gesenktem Schwert über einem zerschlagenen Hakenkreuz, ist mit Sockel und Hügel rund 30 Meter hoch. Sie zählt bis heute zu den bekanntesten Wahrzeichen des Bezirks.20

Ost-Berlin: Treptow und Köpenick in der DDR

Nach 1945 gehörten Treptow und Köpenick zum sowjetischen Sektor und damit ab 1949 zum Ostteil Berlins, der Hauptstadt der DDR. Der Mauerbau am 13. August 1961 schnitt die beiden Bezirke endgültig von den westlichen Nachbarbezirken ab.21

Adlershof: Fernsehen, Forschung und Stasi

Adlershof wurde zu einem Zentrum der DDR. Am 21. Dezember 1952 nahm hier der Deutsche Fernsehfunk seinen Sendebetrieb auf. Daneben siedelten sich Institute der Akademie der Wissenschaften und das Wachregiment "Feliks Dzierzynski" des Ministeriums für Staatssicherheit an.22

Der Kulturpark im Plänterwald

1969 eröffnete im Plänterwald der Kulturpark Plänterwald, der einzige ständige Vergnügungspark der DDR. Nach dem Vorbild des Moskauer Gorki-Parks angelegt, zog er jährlich rund 1,7 Millionen Besucher an, ehe er nach 1990 zum Spreepark umgebaut wurde.23

Nach 1990: Fusion, Wissenschaftsstadt und neue Quartiere

2001: Die Bezirksfusion

Mit der Berliner Bezirksgebietsreform wurden Treptow und Köpenick am 1. Januar 2001 zum neuen Großbezirk Treptow-Köpenick zusammengelegt. Er ist seither der flächengrößte Bezirk Berlins.24

Adlershof: Vom Flugplatz zur Wissenschaftsstadt

1991 begann die Entwicklung des Standorts Adlershof zur Wissenschaftsstadt, 1994 wurde dafür die WISTA-Management GmbH gegründet. Auf den alten Flug- und Forschungsflächen entstand einer der erfolgreichsten Technologieparks Deutschlands, mit Instituten, Unternehmen und Teilen der Humboldt-Universität.25

In Schöneweide zog die HTW Berlin in die früheren AEG-Hallen, der Strukturwandel von der Industrie- zur Bildungslandschaft wurde sichtbar. Wie sich Mieten und Lebenshaltungskosten seither entwickelt haben, lässt sich an diesen aufgewerteten Quartieren ablesen.26

Ausblick: Was als Nächstes entsteht

Der Bezirk bleibt in Bewegung. Der Spreepark im Plänterwald, jahrelang ein berühmter "Lost Place", wird vom Land Berlin schrittweise zu einem neuen Kunst- und Kulturpark umgebaut und soll in den kommenden Jahren wiedereröffnen.27

In Schöneweide und entlang der Spree wachsen neue Wohn- und Gewerbequartiere auf alten Industrieflächen, die den Druck auf den Mietmarkt erhöhen. Die nackten Zahlen zur Entwicklung des Bezirks findest du in unserer Statistik-Übersicht.

Was sich nicht ändert, ist das Wasser. Spree, Dahme und der Müggelsee, einst Gründungsgrund einer Slawenburg, bleiben der Anker für die nächsten Kapitel von Treptow-Köpenick.

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Sabine Fehling
Sabine Fehling
Freie Journalistin

Freiberufliche Journalistin, wohnt seit 15 Jahren in Köpenick. Ehemalige Radioredakteurin, die das Schreiben dem Sprechen vorzog. Hat eine Schwäche für Lokalgeschichte und gut recherchierte Hintergrundstücke.

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