Im benachbarten Neukölln, wenige Stationen vom Treptower Park entfernt, öffnete sich ein Fenster zu einer der drängendsten Fragen unserer Zeit: Was tun Museen mit Objekten aus kolonialen Sammlungen? Eine Handvoll 5.000 Jahre alter Traubenkerne – winzig, unscheinbar, aber explosiv in ihrer Bedeutung, wurden zum Ausgangspunkt einer Ausstellung, die Berlin aufrütteln sollte. Wer historische Orte im Südosten erkunden mag, kann auch die Müggelseeperle besuchen.1
Die Studierenden des Masterstudiengangs Museumsmanagement und -Kommunikation der HTW Berlin haben mit dem Stadtmuseum Berlin ein Projekt auf die Beine gestellt, das zeigt: Museen sind nicht Orte der Deutungshoheit, sondern können Orte des Diskurses sein.2 Die Eröffnung fand am Freitag, 30. Januar, ab 18 Uhr in der Kiezkapelle Neukölln statt, der Eintritt war frei.
Die Geschichte der Traubenkerne
Die Kerne stammen aus einem ägyptischen Grab und wurden 1897 von Georg Schweinfurth entnommen und in einer Kartonschachtel verwahrt, so begann ihre Reise nach Europa. Doch wie sie genau ins Archiv des Stadtmuseums Berlin gelangten, bleibt fragmentarisch. Genau diese Lücken, diese Unsicherheiten, sind der Kern der Ausstellung.
Wem gehört dieses Objekt? Wer hat das Recht, über seinen Ort zu bestimmen? Sollte es zurück nach Ägypten? Solche Fragen stellen sich immer mehr Museen weltweit, und Berlin machte sie öffentlich.
Neue Perspektiven auf alte Sammlungen
Was die Ausstellung besonders macht: Sie bricht mit traditionellen Museumserzählungen. Statt von oben herab zu erklären, verbanden die Kuratoren ägyptologische, ethnobotanische und dekoloniale Perspektiven und gaben der ägyptischen Diaspora in Berlin eine Stimme. Künstler wie Yupanqui Ramos, Julia Emslander und Carlos Sfeir Vottero zeigen neue Wege auf, wie Kunst kolonialer Geschichte gerecht werden kann.
Die Eröffnung wurde mit einer Performance von Yupanqui Ramos eingeleitet, danach gab es Snacks und Getränke. Ein schöner Moment war es, um mit Nachbarn ins Gespräch zu kommen über Fragen, die uns alle angehen.
Die ganze Ausstellung – und noch mehr
Wer am 30. Januar nicht konnte: Die Ausstellung lief bis 8. Februar täglich von 12 bis 19 Uhr in der Kiezkapelle Neukölln, Hermannstraße 102, 12051 Berlin. Der Eintritt blieb frei.
Am 1. Februar zeigte Leila Patzies um 16 Uhr ihre Performance „Portrait of an Anti-Hero". Anschließend diskutierten Jeanne-Ange Wagne und Bénédicte Savoy um 17 Uhr über ein zentrales Dilemma: „Mythos, Macht, Museum, was geschieht, wenn Objekte sprechen sollen, aber ihre historischen Stimmen fehlen oder verdrängt werden?"
Ein großes Projekt mit lokalem Gewicht
Was beeindruckt: Die Studierenden haben echte Provenienzforschung betrieben, mit Expertinnen und Experten gesprochen, Archive durchwühlt. Das war nicht einfach eine Seminararbeit, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Museumsethik in der Praxis. Wer mehr über das Projekt erfahren will, findet Infos unter [email protected] oder auf der Website des Studiengangs.
Berlin diskutiert derzeit viel über kulturelles Erbe, über Rückgaben, über koloniale Lasten. Diese Ausstellung war keine fertige Antwort, sondern eine Einladung. Eine Einladung, gemeinsam zu fragen. Und manchmal sind die richtigen Fragen wichtiger als schnelle Antworten.